Es geschah im Puppenhaus

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Es geschah im Puppenhaus

Oma servierte in ihrer gemütlichen Puppenstubenküche ihrem Enkel Robby gerade Haferflocken, als es an der Tür zum Puppenhaus klingelte. „Wer das wohl sein mag?“, murmelte Oma und eilte durch die Diele. Vor der Tür stand ein Handwerker mit Werkzeugkiste bewaffnet und hielt Oma einen Zettel vor die Nase. „Guten Tag, ich komme von der Firma 1:12 Miniaturen 4 Living und soll eine Puppenhausbeleuchtung einbauen!“ Oma fragte verwirrt: „Eine Puppenhausbeleuchtung? Das muss ein Irrtum sein, wir haben das gar nicht bestellt!“ Der Handwerker tippte auf seinen Auftrag. „Ich befolge nur meine Anweisungen! Eine Puppenhausbeleuchtung in der Puppenstube von Oma und Opa. Auftraggeber ist eine gewisse Frau Schnitzlerin!“ Nun schlurfte Opa herbei. „Frau Schnitzlerin ist unsere Besitzerin! Wir sind der Puppen drei und die Beleuchtung ist wirklich frei?“ Oma tätschelte Opas Arm und schob ihn sanft zur Seite. Den Handwerker lächelte sie dabei entschuldigend an. „Mein Mann ist ein berühmter Poet!“ Dabei tippte sie sich diskret an die Stirn, dann bat sie den Handwerker herein und ging zurück zu Robby. Opa aber griff sich den Auftragszettel. „Wie heißt Ihr komischer Laden? 1:12 Miniaturen 4 Living? Was soll denn der Quatsch bedeuten?“ Der Handwerker seufzte. „1:12 Miniaturen 4 Living soll Englisch sein. Die 4 wird ausgesprochen wie for, verstehen Sie? Das ist modern!“ Opa grunzte: „Das ist nicht modern, das ist blöd!“, als plötzlich ein Schrei die Luft zerriss. Oma kam völlig aufgelöst aus der Küche. „Robby ist verschwunden!“ Opa stürmte herbei. „Aber – wir sind der Puppen drei, und da steht nur Robbys Brei!“ Entsetzt zeigte er auf die verlassenen Haferflocken. Der Handwerker drängte sich nun ebenfalls in die Küche. „Wer ist denn Robby?“ Oma griff sich zitternd an den Dutt. „Robby ist unser kleiner Enkel! Wo kann er nur hin sein? Hoffentlich ist er nicht entführt worden!“ Der Handwerker griff geistesgegenwärtig zum Telefon. „Ich rufe die Polizei!“ Während er nun telefonierte, liefen Oma und Opa aufgeregt im Kreis um den kleinen Tisch herum und schrien wild durcheinander. „Oh mein Gott, wie sollen wir das nur seiner Mutter erklären!“, stammelte Oma und Opa rief verzweifelt: „Wir waren der Puppen drei, nun sind wir nur noch zwei!“, woraufhin Oma in laute Tränen ausbrach. Der Handwerker presste das Telefon ans Ohr und hielt sich das andere zu. Er brüllte in den Hörer: „Omas Robby ist verschwunden! Ein kleiner Junge. Wie er aussieht? Äh, es ist wohl besser, wenn Sie einfach herkommen...“ Als er aufgelegt hatte, versuchte er, Oma und Opa zu beruhigen. „Der Polizist wird gleich hier sein, und dann finden wir Robby.“ Aber Oma rief wütend: „Sie sind doch Schuld an allem! Wenn Sie mich nicht von den Haferflocken weg geholt hätten...“ In diesem Moment läutete es wieder an der Tür, denn in der Puppenwelt sind die Wege ja sehr kurz. Der Polizist stürmte herein, wedelte mit dem Revolver in der Luft herum und blies in seine Trillerpfeife. „Den Feuerwehrmann habe ich auch schon alarmiert! Wir werden den Jungen finden! Sicher handelt es sich um ein schreckliches Gewaltverbrechen!“ Der Polizist war berühmt dafür, dass er furchtbar gern knifflige Fälle lösen würde, aber Puppenhausbewohner sind bekanntermaßen eher friedfertig als kriminell. In diesem Moment steckte der große Hund von Frau Schnitzlerin den Kopf schnüffelnd ins Puppenhaus. Zwischen den Zähnen hielt er vorsichtig den strampelnden und lachenden Robby und setzte ihn sanft in Omas Küche wieder ab. Robby schüttelte sich kichernd den Sand aus der Hose. „Das war toll! Ich war im Garten! Warum guckt Ihr denn alle so?“ Oma brach wieder in Tränen aus – diesmal allerdings vor Erleichterung. Der Handwerker grinste. „Wenn Sie die Wand da zugemauert haben wollen – rufen Sie mich an!“

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Gast |
AW: Es geschah im Puppenhaus
Eine gut geschriebene kleine lebendige Szene. Besonders gefallen hat mir das wiederkehrende "Wir sind der Puppen drei..." der Oma. ml12
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