Liebe auf den ersten Blick: mein Puppenhaus und...

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Liebe auf den ersten Blick: mein Puppenhaus und ich!

Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leser, ich bin ein sehr fröhlicher Mensch und habe ein tolles Leben. Aber irgendwann erwischt jeden wohl einmal das Gefühl, dass das Leben an einem vorbei zieht und alle anderen Spaß haben, während man selbst das Gefühl hat, irgendwie „übrig“ zu bleiben. Mir jedenfalls ging es so, als meine Kinder in das Alter kamen, wo meine Tochter sich nur noch für Pferde interessierte und mein Sohn mit seinen Klassenkameraden nur noch Computerchinesisch sprach.

Als ich jammerte, weil mich niemand mehr braucht und alle etwas haben, was ihnen Spaß macht – nur ich nicht! - gab mein Mann mir lachend einen dicken Kuss, versicherte mir, dass ich noch immer der Fixstern seines Lebens sei und verschwand mit einem frechen Grinsen zu seinem geliebten Segelboot.

Ich wollte also gerade in Selbstmitleid versinken, als meine Nachbarin klopfte. Frau Baumann ist eine winzige Dame, die mit ihren 90 Jahren eine Energie versprüht, die ich selber gerne hätte. Als sie mich bat, mit ihr einige Dinge von ihrem Dachboden zu holen, beschloss ich natürlich sofort, ihr zu helfen, statt meinen Seelenschmerz zu kultivieren! Auf Frau Baumanns Dachboden angekommen packte mich sofort die Neugier. Alte Gemälde, antike Möbel und Überseekoffer standen herum, und am Liebsten hätte ich alles durchstöbert, aber natürlich wollte ich nicht unhöflich sein. Trotzdem rutschte mir heraus: „Und was ist unter dem Tuch da?“ Frau Baumann lächelte verträumt „Eine Puppenstube!“. Ich fragte: „Von Ihren Kindern?“. Aber Frau Baumann lachte auf. „Oh, nein, das ist meine! Ich habe mit dem Sammeln angefangen, als meine Töchter ausgezogen sind! Aber seit ich Italienisch lerne und zum Seniorensport gehe, habe ich einfach keine Zeit mehr dafür! Wollen Sie sie vielleicht haben?“ Mit einem Lächeln zog Frau Baumann das Tuch von der Puppenstube und zeigte mir eine neue, nostalgische kleine Welt – im Maßstab 1:12! Fasziniert beugte ich mich über das Puppenhaus und merkte richtig, wie in meinem Gesicht ein Scheinwerfer anging, als ich drauf los strahlte. Ich entdeckte winzige Biedermeiersofas, eine goldene Uhr auf dem Kaminsims und einen funkelnden kleinen Ofen in der Küche – ich war sofort verliebt! Frau Baumann schmunzelte. „Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie sich der Sache annehmen könnten. Schließlich muss so eine Puppenstube doch gepflegt werden!“ Nachdem ich mehrfach versichert hatte, dass ich diesen kostbaren Schatz auf keinen Fall annehmen könnte, einigten wir uns darauf, dass Frau Baumann die Puppenstube ja besuchen könne und schon kam ich stolz mit dem Puppenhaus in den Armen nach hause!

Ich rechnete natürlich fest damit, dass meine Familie mich auslachen würde, aber Irren ist ja bekanntlich menschlich. Was soll ich sagen? Meine Tochter verbringt jetzt weniger Zeit im Reitstall, weil sie winzige Gardinen näht und mein Mann ist inzwischen zum Experten darin geworden, Puppenhauswände zu tapezieren. Am meisten hat mich aber mein Sohn überrascht: Nachdem er die Elektrik im Puppenhaus erneuert hatte, hat er sich sofort an seinen Computer gesetzt, um Pläne für „sein eigenes Haus“ zu erstellen, und das Projekt hat auch schon einen fachchinesischen Namen – es heißt „Puppenstube 2.0“!

Kommentare: 3

Kommentare: 3

Gast |
AW: Liebe auf den ersten Blick: mein Puppenhaus und ich!
Man kann die Begeisterung des Sammelns in dieser Geschichte mehr als nur nachvollziehen.
Schön wie ein Hobby die Famile wieder zusammenbringen kann.
Tana |
AW: Liebe auf den ersten Blick: mein Puppenhaus und ich!
Das Hobby gibt einem eine neue Aufgabe, vorallem wenn die Kinder aus dem Haus sind. Ich musste sehr schmunzel über den Namen Puppenhaus 2.0.
Gast |
Wirklich ...
... eine überaus zauberhafte Geschichte :)
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